Wie entsteht Angst?

 

Über 8 Millionen Deutsche leiden unter Ängsten, Panikattacken und hiermit verbundenen Depressionen – die Tendenz ist steigend.

Angst vor Wartesituationen, z. B. Kinobesuchen, Restaurantbesuchen, Warteschlangen (Supermarkt), Autostaus, roten Ampeln, Bus- oder Bahnfahrten, Angst vor Menschenansammlungen, die gewohnte Umgebung zu verlassen, Auto zu fahren, aber auch Höhen- und Brückenangst oder Angst vor Krankheit sind typische Beispiele für diese Störung, die durch ihre rasche Ausbreitung zu einem Volksleiden zu werden droht. Viele Betroffene werden nach ihrer ersten Panikattacke von einem latenten Gefühl, der Angst vor der Angst, die nächste Panikattacke zu bekommen, beherrscht.

Alle höheren Lebewesen stattete die Natur mit natürlichen Instinkten aus und mit einem ziemlich ähnlichen, automatisch ablaufenden Anti-Stress-Programm. Es dient vor allem einem Ziel: Erhaltung der eigenen Unversehrtheit. Dazu kommen, je nach Situation, entweder KAMPF ODER FLUCHT in Frage. Gegen einen unterlegenen oder etwa gleichstarken Gegner wird sich ein Lebewesen im Allgemeinen für den KAMPF entscheiden, einem überlegenen Gegner versucht es normalerweise, zu entkommen.

Aus diesem – für den Steinzeitjäger durchaus geeigneten – Reaktionsprogramm erklären sich viele Stresssymptome.

Ängste und Panikattacken haben eine lange Entwicklungsgeschichte der jeweils betroffenen Person. Negative Erlebnisse, oftmals schon aus frühester Kindheit, lasten häufig jahrelang auf ihr, bevor die erste Panikattacke ausbricht. Ängste bedeuten eine Störung des Gefühls und stehen häufiger für unterdrückte und nicht gelebte Gefühle, wie z. B. Wut, Aggression, unerfülltes Bedürfnis nach Liebe – oder auch nicht gelebte Wünsche oder Lebensziele.

Der Psychologe Dolf Zillmann von der Universität Alabama hat in einer langen Reihe von Experimenten den Zorn und die Anatomie der Wut genau analysiert. Der Zorn entspringt nach Zillmans Feststellung dem KAMPF-Aspekt der KAMPF- oder FLUCHT-Reaktion. Ein universaler Auslöser für den Zorn sei das Gefühl, gefährdet zu sein. Ein Gefährdungssignal kann nicht bloß von einer direkten körperlichen Bedrohung ausgehen, sondern auch – und das kommt häufiger vor – von einer symbolischen Bedrohung der Selbstachtung oder Würde: wenn man hart oder ungerecht behandelt wird, wenn man beleidigt, erniedrigt oder bevormundet wird, wenn die Verfolgung eines wichtigen Ziels unterbunden wird.

Und solche unterdrückten und nicht gelebten Gefühle und Impulse auf den Körper ein Dauerzustand oder werden sie häufiger wiederholt, entsteht eine Hochspannung. Die Nerven und Organabläufe geraten in Unordnung und können nicht mehr sinnvoll und biologisch ineinander greifen. Durch die Anspannung des Nervensystems wird Adrenalin ausgeschüttet. Ist das Nervensystem einem ständigen, lang anhaltenden Stress ausgesetzt, reduziert sich der Adrenalinspiegel nicht wieder auf sein Normalmaß. Die überhöhte Ausschüttung des Adrenalins ist die wesentliche körperliche Ursache für Panikattacken.

Während einer Panikattacke verliert der Betroffene die Kontrolle über seinen Körper. Wie in einem Schnelldurchlauf rast das Herz, wird die Atmung schneller. Der Blutdruck erhöht sich, es kann kein klarer Gedanke mehr gefasst werden: KAMPF ODER FLUCHT! Auch das Verdauungssystem gerät außer Kontrolle. Im schlimmsten Fall wird der Betroffene von Ohnmachtsgefühlen und Todesängsten befallen.

Eine weitere Basis für Angststörungen kann gelegt werden, wenn Kinder von ihren Eltern lernen, sehr viel Wert auf die Meinung anderer Menschen zu legen, wenn sie zum Perfektionisten werden. Das macht sie später anfällig für die Angst vor Fehlern, für die Angst, sich durch Fehler eine Blöße zu geben. Dadurch sind sie gefährdeter, eine Sozialphobie zu entwickeln. Belastende Lebensereignisse oder besonders negative Erfahrungen sind dann die Auslöser der Angststörung, z. B. Tod eines Familienmitglieds, Trennung, berufliche Veränderung, Umzug.

Veranlagung, Lernerfahrung und Lebensumstände müssen also zusammenkommen, um eine Angststörung auszulösen. Ein chronisches Leiden entsteht dann durch „aufrechterhaltende Faktoren“, wie beispielsweise das Vermeidungsverhalten.

Aus der Tierforschung weiß man, dass ein wesentlicher Faktor für die Entstehung von Ängsten die Unkontrollierbarkeit des eigenen Lebens ist. In Nachfolgeuntersuchungen mit Menschen konnte man feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit, behandlungsbedürftige Ängste zu entwickeln, umso grösser ist, je stärker dieses Gefühl der Unkontrollierbarkeit ist und je mehr Lebensbereiche davon betroffen sind. Dieses Gefühl wird folgendermaßen beschrieben: wichtige Bereiche des eigenen Lebens können nicht von der Person selber beeinflusst werden, z. B. im Beruf oder im Privatleben.

Während unserer jahrelangen Beobachtungen und Arbeit mit Angstbetroffenen stießen wir immer wieder auf ein ganz zentrales Thema: Die Mutter (gestörte Mutterbeziehung/ Liebesentzug, Überbehütung/ Nichtabnabelung).

Über weitere Ursachen von Ängsten und Panikattacken gibt es verschiedene Theorien, jedoch sind sie weitgehend unerforscht. Viele Wissenschaftler versuchen die jeweilige Problematik, auch die der Ängste, ausschliesslich mit Hilfe des Verstandes anzugehen und lassen all das, was sich vom Verstand nicht begreifen und kontrollieren lässt, häufig nicht zu.

Sicher scheint, dass die fortlaufende Weiterentwicklung der Menschheit mit ihren zahlreichen negativen Begleiterscheinungen für viele eine Überforderung darstellt.

Die Evolution konnte mit der schnellen gesellschaftlichen Entwicklung nicht Schritt halten. Das automatische Anti-Stress-Programm blieb bis heute nahezu unverändert, obwohl die Stressfaktoren sich deutlich verändert haben, wie z. B. jahrelanger seelischer Stress, aber auch die ständig zunehmenden Außenreize.

Tatsache ist, dass der Mensch zu Anfang des 21.Jahrhunderts auf Stress noch so natürlich reagiert wie ein Urzeitmensch, der einem wilden Tier begegnete und mit seinem automatisch ablaufenden Antistressprogramm antwortet: KAMPF ODER FLUCHT.

Unsere „Regeln“ für menschliches Verhalten entsprechen in vielen Fällen nicht mehr den Naturgesetzen. Der Gemeinschaftsgeist geht immer mehr verloren – viele Menschen, vor allem alte, begehen aus Einsamkeit Suizid.

Auch die traditionelle Form der Familie wird immer seltener, die Scheidungsraten werden höher, häufig arbeiten beide Elternteile und haben keine Zeit oder kein Interesse mehr, sich um ihre Kinder zu kümmern.

Dabei wird völlig übersehen, wie selbstverständlich Naturvölker mit sich und ihren Kindern umgehen. Die Menschen der westlichen Welt grenzen sich täglich immer mehr von der Natur ab und versuchen, alles Problematische mit dem Verstand zu begreifen. In der Regel treten bei Naturvölkern keine Volkskrankheiten auf.

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